Psychologie der Gesundheit

Resilienz und Persönlichkeitsdynamik

Was uns krank macht, sagt viel über uns aus

Eine Spurensuche entlang neun typischer Persönlichkeitsstrukturen – und der Frage, wie Charakter sich in den Körper einschreibt.

Stell dir zwei Menschen vor, die am selben Tag denselben stressigen Termin verpassen. Der eine bekommt Kopfschmerzen und kann danach kaum abschalten. Die andere spürt tagelang ein Ziehen im Rücken, ohne dass sie sagen könnte, warum. Gleicher Auslöser – zwei völlig unterschiedliche Körperreaktionen. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck der eigenen Persönlichkeitsstruktur: der ganz individuellen Art, mit Druck, Erwartungen und Gefühlen umzugehen.

Genau hier setzt eine Befragung von 242 Menschen an, die ihre gesundheitlichen Beschwerden ihrem jeweiligen Verhaltensmuster zuordneten. Die Teilnehmenden, 168 Frauen und 74 Männer im Durchschnitt 48 Jahre alt, gaben Auskunft über Stresslevel, Schlaf, Haut, Verdauung, Rücken und Seele.

Wer sein eigenes Muster kennt, gewinnt etwas Wertvolles: die Fähigkeit, frühe Signale des Körpers richtig zu deuten, statt sie zu überhören, bis daraus ein echtes Problem wird. Genau darin liegt der Unterschied zwischen mentaler Balance und einem Körper, der irgendwann lauter werden muss, um gehört zu werden.

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Körper & Charakter

Was uns krank macht, sagt viel über uns aus

Eine Spurensuche entlang der neun Enneagrammtypen – und der Frage, wie Persönlichkeit sich in den Körper einschreibt.

Dass Charakter, Psyche und Körper zusammenhängen, ist keine neue Idee – aber selten wurde sie so konkret untersucht wie in einer Befragung von 242 Menschen, die ihre gesundheitlichen Beschwerden ihrem jeweiligen Enneagrammtyp zuordneten. Die Teilnehmenden, 168 Frauen und 74 Männer im Durchschnitt 48 Jahre alt, gaben Auskunft über Stresslevel, Schlaf, Haut, Verdauung, Rücken und Seele.

Das Ergebnis ist kein medizinisches Urteil, sondern ein Muster: Jeder Typ scheint seine eigene, sehr charakteristische Art zu haben, mit Druck umzugehen – und seinen eigenen Ort im Körper, an dem sich dieser Druck zeigt.

1 Der Perfektionist

46 Teilnehmende · Durchschnittsalter 47

Wer alles „richtig“ machen will, tut das offenbar zuerst mit dem eigenen Körper: Muskelverspannungen, Rückenschmerzen und in nicht wenigen Fällen bereits Bandscheibenschäden zeichnen den Halteapparat der Einser als besonders belastete Zone. Zwei von drei berichten von Stress, viele klagen über Schlaflosigkeit – und aus dieser Kombination aus körperlicher Anspannung und geistigem Nicht-loslassen-Können entwickelt sich bei etlichen schließlich Migräne.

Loslassen fällt schwer – geistig wie körperlich. Der Rücken trägt, was der Kopf nicht abgeben will.

2 Der Helfer

24 Teilnehmende · Durchschnittsalter 52

Die Zweier liegen bei den meisten Beschwerden unter dem Durchschnitt der Gruppe – nur Angst und ein nervöser Magen treten etwas häufiger auf. Auffällig ist eine erhöhte Neigung zu Verstopfung, die sich als eine Art körperliches Zurückhalten lesen lässt, als Gegenpol zum ständigen, oft leidenschaftlichen Geben. Auch verstärktes Übergewicht könnte in diesem Sinn ein körperliches Sich-selbst-Nehmen sein, ein Ausgleich für das, was sonst an andere abgegeben wird. Vereinzelt wurden zudem Asthma und Magersucht genannt, und auch erhöhter Blutdruck kommt vor.

Geben und Nehmen im Ungleichgewicht – der Darm reagiert, wo die Seele nicht Nein sagen mag.

3 Der Macher

8 Teilnehmende · Durchschnittsalter zwischen 42 und 63

Von den Dreiern kamen nur wenige Rückmeldungen, was belastbare Aussagen erschwert. Innere Unruhe wird von der Mehrheit beschrieben, dazu vereinzelt Kopfschmerzen. Bemerkenswert: Obwohl ein Fall von Bandscheibenschaden genannt wird, verneinen alle Befragten wiederkehrende Schmerzen – ein Hinweis darauf, wie sehr dieser Typ gelernt haben könnte, über körperliche Signale hinwegzugehen. Genannt wurden zudem Magersucht sowie zwei Fälle von Depression.

4 Der Romantiker

24 Teilnehmende · Durchschnittsalter 47

Bei kaum einem anderen Typ liegen die Werte so deutlich über dem Schnitt wie bei der Vier: Angstzustände, innere Unruhe, Herzklopfen, nervöser Magen, Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit – fast jedes Symptom tritt gehäuft auf. Fast acht von zehn berichten von wiederkehrenden Schmerzen. Auch Rückenschmerzen, Bandscheibenschäden und Depression liegen deutlich höher als im Durchschnitt der Gruppe.

Der Schlüssel dazu könnte die außergewöhnlich hohe Empfindsamkeit sein, die fast acht von zehn Befragten dieses Typs bei sich selbst wahrnehmen. Wo alles intensiver empfunden wird – auch das eigene Leid –, wiegt jeder Schmerz schwerer. Diese Empfindsamkeit korrespondiert mit erhöhtem Blutdruck und Übergewicht als Risikofaktor.

Die Tragik des Romantikers: Alles wird stark und schwer empfunden – auch der eigene Körper.

5 Der Beobachter

41 Teilnehmende · Durchschnittsalter 48 · als einziger Typ mit Männerüberschuss

Bei der Fünf zeigt sich ein auffälliges Muster an der Körpergrenze: Fast ein Drittel berichtet von Hautkrankheiten, insbesondere Neurodermitis und Psoriasis, dazu allergische Reaktionen wie Asthma. Die Haut, so lässt sich das deuten, macht nach außen sichtbar, was sonst verborgen bliebe – ein Signal an die Umwelt, dass da ein Körper ist, den man sonst kaum wahrnimmt. Auch Durchfall und Verstopfung treten – ähnlich wie bei den Zweiern – gehäuft auf, was auf eine ähnliche Geben-und-Nehmen-Thematik hindeutet.

Bemerkenswert ist zudem der einzige in der gesamten Befragung genannte Herzinfarkt, kombiniert mit Angina pectoris, bei diesem Typ. Über zwei Drittel fühlen sich gestresst.

6 Der Loyalist

27 Teilnehmende · Durchschnittsalter 48

Erwartungsgemäß dominiert bei der Sechs die Angst – verbunden mit innerer Unruhe, Herzklopfen und flacher Atmung, dazu nervösem Magen, Durchfall und Schlaflosigkeit als körperliche Begleiter. Auch bei diesem Typ ist die Haut ein Thema, allerdings eher aus der allergischen Richtung: Neurodermitis, Asthma, Ekzeme.

Auf geistiger Ebene fällt eine hohe Rate an Depressionen auf, dazu vereinzelt Magengeschwüre. Die beiden schwersten in der Befragung genannten Erkrankungen – ein Fall von Leukämie, ein Fall von Morbus Hodgkin, beides Krebserkrankungen des Blutes – treten bei diesem Typ auf. Die Angst, so legt es dieses Bild nahe, scheint das Immunsystem besonders stark zu beanspruchen und wirkt sich auf allen drei Ebenen aus: körperlich, emotional und geistig.

Wo Angst dauerhaft mitregiert, ist offenbar das Immunsystem der erste Ort, an dem sich das zeigt.

7 Der Enthusiast

24 Teilnehmende · Durchschnittsalter 47

Auch bei der Sieben zeigt sich Angst körperlich – über Herzklopfen, schnellen Puls und Schweißausbrüche –, dazu Kopfschmerzen als Zeichen von Überlastung. Wie bei allen „Kopftypen“ treten vermehrt Hautkrankheiten auf, vermutlich ebenfalls ein Signal des Körpers, gehört zu werden.

Charakteristisch für die Sieben ist die Vielfalt, mit der sie sich Möglichkeiten offenhält – und genau diese Vielfalt führt offenbar zu chronischer Überlastung: von der Muskelverspannung über Rückenschmerzen bis zu Bandscheibenschäden. Bemerkenswert dabei: Nur eine Minderheit beschreibt sich als gestresst oder empfindlich – Vielfalt erzeugt bei diesem Typ eher ein Wohlgefühl als Druck, selbst wenn der Körper längst überlastet ist.

8 Der Chef

12 Teilnehmende · Durchschnittsalter 49

Auch von den Achtern liegen nur wenige Antworten vor. Auffällig ist vor allem, wie selten sich dieser Typ überhaupt als empfindlich beschreibt und wie niedrig der empfundene Stress ausfällt – die hohe Energie der Acht scheint hier wie ein Puffer zu wirken. Wiederkehrende Schmerzen werden seltener empfunden, am ehesten noch Kopf- und Rückenschmerzen. Übergewicht tritt gehäuft auf, was auf ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Genuss und „Zugreifen“ hindeuten könnte.

9 Der Vermittler

37 Teilnehmende · Durchschnittsalter 43

Die Neun liegt bei den meisten allgemeinen Symptomen unter dem Durchschnitt – einzig Durchfall tritt etwas häufiger auf, was mit einer erhöhten Neigung zu Stoffwechselerkrankungen zusammenhängen könnte: Übergewicht, vereinzelt Diabetes, Gicht und Gallensteine wurden genannt. Erhöhter Blutdruck geht bei diesem Typ mit dem Risikofaktor Übergewicht einher.

Auffällig ist außerdem ein gehäufter Befall der kleinen Gelenke, ein möglicher Hinweis auf Erkrankungen aus dem rheumatischen Formenkreis; auch Sarkoidose und Rheuma, beides Autoimmunerkrankungen, wurden vereinzelt beschrieben.

Was diese Wanderung durch die neun Typen zeigt: Der Körper erzählt oft schon lange, bevor die Seele zuhört. Wer die eigenen Muster erkennt – im Rücken, in der Haut, im Magen – hat die Chance, ihnen früher zu begegnen, als es die Beschwerden von sich aus täten.

Basierend auf der Auswertung eines Fragebogens mit 242 Rückmeldungen durch Dr. med. Hans-Udo Kessler, Heidelberg: „Enneagramm und Psychosomatische Erkrankungen“, Heidelberg, 17. Mai 1999.